Das Wiener Café

Das Wiener Kaffeehaus ist eines der ältesten Kaffeehäuser der Stadt. Es wurde 1829 im Stil der Neo-Renaissance gebaut. Im Lauf von mehr als 180 Jahren hat das Café seine authentische österreichische Atmosphäre kombiniert mit ukrainischer Gastfreundschaft nicht verloren.

Wiener Cafe auf den Wały Hetmańskie (heute Swoboda-Boulevard). F. Rychnowski.Foto, 1894

Jurij Wynnytschuk.
Lwiwer Kneipen

Während sich in anderen Kaffeehäusern der Branche das Publikum eines bestimmten Standes versammelte, galt das Wiener Café als Kaffeehaus für Menschen jeden Standes – vom Tischler bis zum Schauspieler.

Außerdem gehörte es nicht zu den einfachen Kaffeehäusern, es hatte eine geographische Bedeutung, galt als zentraler Punkt der Stadt, das Herz von Lwiw. Hier verbanden sich alle Verkehrsadern. Zu dieser alten Zeit, als in Lwiw nur zwei Straßenbahnlinien existierten, Dwirec–Lytschakiw und Waly–Stryjskyj-Park, galt die Haltestelle „Wiener Café“, oder einfach „Café“, als Knotenpunkt.

Die Stadt brauchte schon seit Langem eine Hauptwache, hatte aber kein Geld. Schließlich wandte sich der Kleinbürger Karol Hartmann an den Magistrat mit dem Antrag, das ehemalige Fürst-Poninskyj-Haus zu einem Kaffeehaus umzubauen. Er erhielt die Erlaubnis unter der Bedingung, ein Lager für vierzig Soldaten zu errichten. Hartmann, der noch ein Grundstück erhalten hatte, erbaute in kurzer Zeit sowohl das Kaffeehaus als auch die Hauptwache.

Es gab aber einige Einschränkungen – Türen und Fenster, die auf den Heilig-Geist-Platz hinausgingen, waren nur für eine bestimmte Zeit gestattet und mit der Auflage, dass sie auf die erste Aufforderung der Stadt ohne Erstattung zugemauert werden müssten. Sicherlich hat sich der Stadtrat auf diese Weise gegen unmoralische Szenen abgesichert, die Stadtbürger durch die Fenster beobachten könnten. Allerdings gab das Café keinem Zensor einen Anlass dazu.

Eine weitere Einschränkung betraf die Öffnungszeiten. Um 20:00 Uhr sollte das Kaffeehaus schon schließen, außerdem hatte es kein Recht, sowohl Musiker als auch junge Frauen als Bedienung am Büffet einzustellen.

Das Kaffeehaus in der Hetmanska-Straße 14 wurde rasch beliebt. Nach Hartmanns Tod im Jahr 1847 übernahm seine Ehefrau Klymentyna das Geschäft, danach seine Tochter Irena Rjustel. 1870 ging das Haus von den ursprünglichen Besitzern in die Hände der Pioniere des Kaffeehauslebens Lwiws, Antonij und Henowefa Siberow, über.

Frau Siberow eröffnete im Café auch eine Theke, an der sehr leckeres Rumgebäck und in ganz Lwiw bekannte Hörnchen aus eigener Herstellung verkauft wurden. Die Hauptwache bildete zusammen mit dem Café ein eigentümliches Duo – sie hatten nicht nur eine gemeinsame Kanalisation, sondern auf dem Platz vor der Hauptwache spielte auch das Militärorchester Märsche und beliebte Melodien. Das lockte das Publikum an, das auf der Hetmanski Waly promenierte, der einzigen Promenade der Stadt in dieser Zeit. 1880 wurde das Haus umgebaut.

Obwohl die Öffnungszeiten in den 1890-er Jahren bis zehn Uhr und dann sogar bis Mitternacht verlängert wurden, war „das Wiener“ abends immer menschenleer […].

Als das „Wiener Café“ im Jahre 1902 in Besitz von Stadtmiller und Tschudzhak übergegangen war, wurde das Haus gründlich modernisiert. […] Das wichtigste
war die Errichtung einer gedeckten Terrasse auf dem Heilig-Geist-Platz.

[…] Dieses Refugium galt bis 1939 als einziges Reservat für ältere Herren der intellektuellen Oberschicht und ehrenwerte Besucher aus anderen Städten, sowohl Provinziale als auch Gutsherren, die noch seit Adam und Eva „das Wiener“ als einzige anständige Gaststätte in Lwiw anerkannten.

[…] 1918 drohte dem „Wiener Café“ eine Umbenennung. Hiesige Patrioten, die alle Spuren der österreichischen Besatzung beseitigen wollten, forderten vom Besitzer, das Kaffeehaus umzubenennen. Nur die Einmischung des Historikers Tscholowskyj, der sich brennend um die Bewahrung der Lwiwer Traditionen kümmerte, rettete die Situation.

Man muss erwähnen, dass selbst der Name des Kaffeehauses nicht zufällig war. Es war durch den eigenartigen deutschen Stil gekennzeichnet. Er unterschied sich gründlich vom örtlichen Stil, der sich mit der Redensart beschreiben lässt: „Nehmt das für lieb, was uns die Kelle gibt“. Kaffeehäuser im Wiener Stil gründete man in ganz Mitteleuropa und sie wurden zur Visitenkarte der Stadt.

Iwan Franko, der Schänken und Gaststätten vermied, besuchte das „Wiener Café“ oft, um bei einer Tasse Kaffee Zeitungen zu lesen. Er setzte sich gern an ein separates Tischchen und suchte sehr selten Gesellschaft, aber alle, die ihn treffen wollten, wussten, dass er nachmittags hier verweilte […].

Das Kaffeehaus besuchten, außer Mychajlo Hruschewskyj, die Ethnographen Wolodymyr Ochrymowytsch und Wolodymyr Hnatjuk und Anhänger der avantgardistischen Moloda-Musa-Bewegung. Man lud gern die Gäste der Stadt hierher ein.

Vornehme Stammgäste bewirkten häufi ge Besuche von Bettlern […]. Schließlich mischte sich die Stadtverwaltung ein und stellte einen Gendarmen vor das Café, um die Bettler zu vertreiben.

In der Zwischenkriegszeit versammelten sich hier Händler und österreichische emeritierte Beamte, denen nie das Geld für schwarzen Kaff ee fehlte […]. Auch Beamte mittlerer Klasse und der Magistrat besuchten das Café.

Wenn Lwiwer ein Treffen vereinbarten, dann stellte man sich bei den Worten „Treffen wir uns …“ nur zwei Orte vor – „das Wiener“ und das Sobieski-Denkmal.

Aus dem Ukrainischen von Julija Mychajliwska

Wynnytschuk, Jurij: Knajpy Lwowa [Lwiwer Kneipen].
Piramida: Lwiw 2005, S. 62 ff.